Sing weiter Baal!

|

Was macht ein Ereignis zum Event? Das mediale Echo? Oder prominente Vertreter des jeweiligen kulturellen Betriebes? Vielleicht. Am Ende aber kommt es auf die Inszenierung an. Beginnen wir also Sonntag, den 03.02.2013. Das Theater in Augsburg. Großes Haus, Kennedy-Platz 1. Gegen Abend. Nacht, Wind.

Im Rahmen des diesjährigen Brechtfestivals steht Baal auf dem Spielplan. Baal? Von Brecht? „Kenne ich nicht.” Macht nichts. Der Regisseur und Hauptdarsteller des Stücks ist dafür keine unbekannte Größe. Thomas Thieme könnte dem Einen oder Anderen aus Filmen wie Das Leben der Anderen oder dem Baader-Meinhof Komplex bekannt sein. Sein eigentliches Metier aber ist das Theater, er selbst hat seine Schauspielausbildung an der Ernst Busch Schule in Berlin absolviert. Er spielte schon 1991 den Baal am Wiener Burgtheater. Unter seiner Regie kam auch 2001 eine Weimarer Inszenierung zustande, bei der Ben Becker den Baal mimen durfte. Thieme kennt also seinen Brecht, respektive Baal. Man durfte gespannt sein. Im Stück gibt es ein Lied über die sogenannte Dirne Evlyn Roe, die am Ende ihres Leidenswegs für den Himmel zu lasterhaft und für die Hölle zu fromm ist. Die Art der Aufführung erlebt ein ähnliches Schicksal.

Eine Inszenierung, die eigentlich keine ist, spielt ein Stück, das irgendwie keines ist. Das ist zunächst keine Kritik. Dass man bei dieser Aufführung kaum von einer Inszenierung sprechen kann, sagt Thieme selbst, als er dem Publikum vorab eine kurze Einführung gibt. Kann man aber einem Schauspieler trauen, der auf der Bühne stehend explizit erwähnt, er sei nun noch nicht in seiner Rolle und spreche quasi als Thomas Thieme zu uns? Man kennt das ja von Autoren, die sich im Vorwort vorsorglich für dies und das entschuldigen, wobei diese Koketterie nur schwer zu ertragen ist. Schraubt auch Thieme unsere Erwartungshaltung zurück?

Keineswegs, denn er spricht so charmant und selbst-ironisch, dass man dem weiteren Geschehen nur wohlwollend entgegensehen kann.

Er nennt seine Produktion also eine “konzertante Aufführung” und belehrt das Publikum sogleich über die

Provenienz dieses Begriffes. “Konzertant” stammt aus der Oper und bezeichnet eine Aufführung, die aller Nebensächlichkeiten entkleidet das Essentielle hervorhebt. Folglich: Nicht spielen, singen.

Aber was ist die Essenz von Baal? Das wusste wohl Brecht selbst nicht so genau, er schrieb im Großen und Ganzen fünf voneinander abweichende Fassungen. Thieme weiß aber, in welchem Modus man die Frage nach der Essenz stellt. „Brecht”, so heißt es im Programm, „ist Musik”. Und hier kommt Thiemes Sohn Arthur ins Spiel. Er untermalt das gesprochene, geschriebne und gesungene Wort mal dumpf, mal donnernd, jedenfalls immer düster mit seiner Bassgitarre. Und zwischen den ins Mikrofon geflüsterten oder heiser geschluchzten Sätzen zuckt Thieme spastisch, denn er ist besessen, nicht nur von Baal, sondern auch von den anderen rund fünfzehn Rollen. Wir rufen aber keinen Exorzisten, sondern vielmehr: “Sing weiter Baal!” Denn gerade wenn Thomas und Arthur Thieme zusammen eines der zahlreichen melancholischen Gedichte anstimmen, herrscht eine unbeschreibliche Atmosphäre und man bekommt ein Gefühl dafür, warum Thieme sich so ausgiebig für den Stoff begeistern kann.

Und fast wünscht man sich, dass die beiden nur die Gedichte aus Baal vorführen. Soll aber Baal auch „von zeitloser Aktualität” sein, wie Dr. Wolfgang Heubisch im Grußwort der Brechtfestival-Broschüre für Brechts Themen konstatiert, müsste man den Fokus tatsächlich auf einzelne Konstellationen richten. Natürlich ist es ein Leichtes, mit Allesfresser Baal eine implizite Kritik am Kapitalismus zu beschwören. Gerade im Bezug auf die neu aufkeimende Sexismus-Debatte, könnte man die Beziehungen von Baal zu seinen zahlreichen Frauen akzentuieren. Wie im schon erwähnten Lied über Evlyn Roe werden die Frauen freiwillig Opfer männlicher Begehrlichkeiten. Und diese Willfährigkeit führt zu weiteren Demütigungen seitens Baal. Aber es war ja bestimmt nicht die letzte Inszenierung von Baal durch Thomas Thieme.

Ereignis oder Event? Vielleicht in der Mitte – so ungefähr. Aber wie sagt Brecht: „Ich liebe das Ungefähre.”