Let`s start a revolution! – No(w)!?

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Die Performancegruppe Skart steht für postdramatisches Theater mit trashigen, collagierten Bildwelten. In Zusammenarbeit mit dem Stadttheater Augsburg entwarf das Künstler-Kollektiv um Absolventen des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen ein Stück zum Thema Protest. Nach knapp drei Monaten Spielzeit fällt am 23. Januar der Vorhang für die kontroverse Inszenierung mit dem Titel “Mein Freund der Baum” zum letzten Mal. Wir haben uns das Stück angesehen und präsentieren unsere – durchaus gemischten – Eindrücke.

Zuerst “Hair”, dann „Intolleranza 1960“ und jetzt „Mein Freund der Baum“. Beinahe hat es den Anschein, Augsburg sei die neue Revolutionshauptstadt. Kritik an Missständen oder verklärender Blick auf die Vergangenheit – diese Frage stellt sich dabei für den Zuschauer. Doch welche Bedeutung haben Idealismus und der Kampf gegen Ungerechtigkeiten heute, in unserer (Wohlstands)Gesellschaft, in einem Sozialstaat, der –

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laut Theorie – für alle sorgt, wo Unterdrückung sowie Diskriminierung scheinbar nur eine untergeordnete Rolle spielen?

Wer zu Beginn der Spielzeit, als dem Stück noch nicht durch die Abhandlung in sämtlichen Feuilletons die Höhepunkte genommen wurden, mit der Erwartung sich ein bisschen Revolution anzusehen, in „Mein Freund

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der Baum“ geht, wird schnell enttäuscht, denn das Stück ist keineswegs nur eine Beschallung
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mit optimistischen Zielen. Für eine Performance-Gruppe zwar nicht wesentlich neu, aber dennoch mit unerwarteten Mitteln, wird die Mauer zwischen Zuschauerraum und Bühne aufgebrochen. Der Theaterbesucher wird ins Geschehen eingebunden und ist ihm wahllos ausgeliefert, wenn beispielsweise mit überdimensionalen Plastikpenissen auf ihn geschossen wird. Einige verfallen in Angststarre als ein mit Körperflüssigkeiten gefüllter Plastikkopf, bedrohlich schwingend, über ihren Köpfen aufgehängt wird. Diesen Part der Inszenierung erleben einige gar nicht, weil sie bereits in den ersten Minuten nach Vorstellungsbeginn den Saal verlassen haben.

Dadurch wird die Aufführung zum treffenden Abbild unserer Lebenswelt. Die Darstellungsweise passt ideal in unsere medienüberflutete Zeit, in der

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es kaum möglich scheint, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Denn während im Hintergrund der alltägliche Wahnsinn über die Leinwand flimmert, zeigt er sich zeitgleich in grellen Farben auf den Mattscheiben der allgegenwärtigen TV-Geräte. Und irgendwo dazwischen spielt sich das Leben ab – schnell, irritierend, gepolt auf Körperlichkeit und Sexualität. Der Einzelne versucht, einen eigenen Weg zu finden, alleine, zusammen, vereint und getrennt vom Nächsten.
An Beispielen für revolutionswürde Anlässe mangelt es dem Ensemble keineswegs: von religiösen Fragwürdigkeiten über diskutable Politiker und ausbeuterische Arbeitsverhältnisse bis hin zur Rassenfrage; dem Zuschauer werden aktuelle Probleme in grellen Farben und überzogener Inszenierung dargereicht. Wie sonst auch würde er sie sonst überhaupt wahrnehmen zwischen dem flirrenden Bunt der alltäglichen Reizüberflutung? Eine Interpretation und Platzierung muss dabei von jedem Zuschauer selbst erfolgen. Denn von vorgekauten Meinungen bekommt er sonst schon genug.

Auf diese Weise wird der Gesellschaft und darunter besonders der jungen Generation ein Spiegel vor Augen gehalten. Diese von den Sozialwissenschaftlern benannte „Generation Y“ ist jung, gut ausgebildet und hat damit die besten Voraussetzungen, ein glückliches Leben zu führen, die Welt aus ihrer Ungerechtigkeit zu leiten, Missstände zu bereinigen und für Gerechtigkeit zu sorgen. Doch stattdessen macht sie nichts anderes als auf sich selbst zu blicken, ist genug damit beschäftigt, das eigene Leben irgendwie auf die Reihe zu kriegen. Zwischen Uni, Praktikum und Nebenjob bleibt schließlich kaum noch Zeit, um sich auch noch um Ideale, eine bessere Welt und womöglich auch noch um die Mitmenschen zu kümmern. Gefangenen in der Maschinerie des Alltags, werden Revolutionen zu idealistischen Hirngespinsten einer vergangenen Zeit. Es wäre zwar schön, wenn sich etwas änderte, aber irgendwie kriegt man die Doppel-, Drei- oder Siebenfachbelastung schließlich schon unter einen Hut. Wozu also Zeit und Energie verschwenden, wenn doch alles schon irgendwie läuft?

Nach der Vorstellung scheint eine Veränderung durchaus notwendig. Ob die Gesellschaft dazu im Stande ist, bleibt fraglich. Denn das Motto der potentiellen Revolutionsgeneration lautet wohl eher: I’ll start a revolution – some day – maybe.

Der Titel klingt harmlos, die Inszenierung wollte genau das Gegenteil: provozieren. Doch weder flohen Besucher in Scharen die Brechtbühne, noch donnerte es einen medialen Aufschrei. Dafür blieb der Inhalt auf der Strecke.

Die fulminante Ankündigung im

Programmheft ließ auf eine “Auseinandersetzung mit der Geschichte und Gegenwart von Protestkulturen” und eine Untersuchung dessen, “was geblieben ist von Utopien, Idealen und der Aufbruchsstimmung”, hoffen. Martin Brunner, Dramaturg, schürte die Erwartungen, indem er von einem “Stück zwischen Punk, den Grünen und der Münchner Räterepublik” sprach, “polarisierend zwischen Anziehung und Abstoßung – passend zum Thema Protest.”

Was die Besucher der Brechtbühne stattdessen erwartete, war selten mehr als ein eklektischer Zusammenschnitt historisch wild durcheinander gewürfelter Protestereignisse. Inszeniert mit allen Mitteln des modernen Theaters – Musik, Projektionen, Video, Aufbrechen der Grenzen zwischen Bühne und Publikum, etc. – grub man in den (Un-) Tiefen des kollektiven Gedächtnisses und kochte aus Angela Davis, der Black-Panther-Bewegung und Erich Honecker ein experimentelles Süppchen nach dem Motto: Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon und zum Schluss ein guter Schuss Sexismus – das zieht. Leider geronn die postdramatische Collage aus dokumentarischem Filmmaterial, Schauspiel und Musik in ihrer überreizten Trashigkeit und der Fülle an popkulturellen Verweisen zu einem nichtssagenden Brei. Und das, obwohl oder gerade weil den Machern stellenweise der dramaturgische Salzstreuer entglitt und sie den Einsatz theatralischer Mittel überstrapazierten – was gewiss nicht jedem schmeckte. Das eigentliche Problem waren jedoch nicht die aufblasbaren Penisse, die mittels eines Katapults in die Zuschauerränge geschleudert wurden. Sie wurden von einem belustigt-desinteressierten Publikum meist geduldig geschluckt.

Viel eher stieß einem sauer auf, dass man sich weder provoziert, noch angesprochen, noch ausgesprochen gut unterhalten fühlte. Man ließ die Aufführung über sich ergehen, wie man so Vieles in einer reizüberfluteten Freizeitgesellschaft über sich ergehen lässt. Dabei nahm bereits Brechts Konzept des Epischen Theaters wesentliche inszenatorische Elemente des Abends wie Interaktivität, Musikeinlagen, das Einblenden von Bildern, Texten und Songs vorweg. Mit einem Unterschied: Der formale Einsatz all jener Mittel war nicht Selbstzweck, sondern hatte ein Ziel: Im Betrachter gesellschaftskritische Erkenntnisse freizusetzen, die ihn dazu bewegen, die Gesellschaft zu verändern. Auch das postdramatische Theater, zu deren Vorläufer Brecht zählt, hat den Anspruch, durch räumliche, visuelle und lautliche Zeichen einen Kommunikationsprozess zwischen Schauspieler und Publikum in Gang zu bringen, um eine – wie auch immer gearete (abstoßende, anziehende, …) – Wirkung zu erzielen.

Und was, wenn das Publikum keine Wirkung zeigt? Will modernes Theater mehr sein, als ein multimediales Spektakel und Freizeitpark für

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Erwachsene, mehr als eine Karikatur des Zeitgeistes, dann muss es sein Publikum mit Inhalten erreichen. Nicht oberflächlich, sondern nachhaltig. An einigen Stellen zeigte das Stück, wie das gelingen kann: Als zu Beginn ein Bollwerk des Protests aus Rammböcken, Katapulten und Spähtürmen auf den Bühnenrand zurollte und sich als bedrohliche Phalanx vor den Zuschauern auftürmte, wurde das Gewaltpotenzial von Herrschaftsstrukturen körperlich spürbar. Oder als Philipp Karau als Existenzialist, nackt, lediglich in einem pervers knappen Nonnenkostüm aus Latex, an sich, der Welt und Gott verzweifelte, wurde die Vielschichtigkeit der Conditio humana bildstark aufgefächert. Oder Mark Schröppel, der als vakuumverpacktes menschliches Stück Lebendfleisch an seine körperlichen Grenzen ging und beim Besucher unweigerlich Fragen nach Stofflichkeit, Verantwortung, Entgrenzung und Ethik provozierte.

Fazit: Wer auf einen harmlosen Theaterabend, der bis auf wenige Ausnahmen eine ernste inhaltliche Auseinandersetzung vermissen lässt, verzichten kann, protestiert, indem er zu Hause bleibt und 75 Minuten wahllos durchs TV-Programm zappt.

Für alle Anderen, die das Stück sehen möchten, um sich selbst ein Bild davon zu machen: Am 23. Januar findet die letzte Vorstellung auf der Brechtbühne statt. Tickets gibts beim -> Theater.