LetA?s start a revolution! – No(w)!?

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Der Titel “Mein Freund der Baum” klingt harmlos, die Inszenierung wollte genau das Gegenteil: provozieren. Doch weder flohen Besucher in Scharen die BrechtbA?hne, noch donnerte es einen medialen Aufschrei. DafA?r blieb der Inhalt auf der Strecke.

Die fulminante AnkA?ndigung im Programmheft lieAY auf eine “Auseinandersetzung mit der Geschichte und Gegenwart von Protestkulturen” und einer Untersuchung dessen, “was geblieben ist von Utopien, Idealen und der Aufbruchsstimmung – etwa im Punk, bei den GrA?nen oder der MA?nchner RAi??terepublik”, – hoffen. Martin Brunner, der Dramaturg des StA?cks, schA?rte zudem die Erwartungen, indem er von einem StA?ck, “polarisierend zwischen Anziehung und AbstoAYung – passend zum Thema Protest”, sprach.

Was die Besucher der BrechtbA?hne stattdessen erwartete, war selten mehr als eine eklektische Zusammenschau historisch wild durcheinander gewA?rfelter Protestereignisse. Inszeniert mit allen Mitteln des modernen Theaters – Musik, Projektionen, Video, Aufbrechen der Grenzen zwischen BA?hne und Publikum, … – grub man in den (Un-) Tiefen des kollektiven GedAi??chtnisses und kochte aus Angela Davis, der Black-Panther-Bewegung und Erich Honecker ein experimentelles SA?ppchen nach dem Motto: Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon und zum Schluss ein guter Schuss Sexismus – das zieht immer. Leider geronn die postdramatische Collage aus dokumentarischem Filmmaterial, Schauspiel und Musik in ihrer strapazierten Trashigkeit und der FA?lle an popkulturellen Verweisen zu einem belanglosen Brei, ohne einen anhaltenden Eindruck auf der Zunge zu hinterlassen.
Das Problem dabei war nicht, dass den Machern stellenweise der dramaturgische Salzstreuer entglitt und sie den Einsatz der theatralischen Mittel A?berstrapazierten – was gewiss nicht jedem schmeckte. Aber gemeint sind eben nicht die aufblasbaren Penisse, die mittels eines Katapults in die ZuschauerrAi??nge geschleudert wurden. Sie wurden meist geduldig geschluckt.

Das Problem war, dass man sich weder sonderlich provoziert oder angesprochen, noch ausgesprochen gut unterhalten fA?hlte. Man lieAY die AuffA?hrung A?ber sich ergehen, wie man so Vieles in einer reizA?berfluteten Freizeitgesellschaft A?ber sich ergehen lAi??sst. Dabei nahm bereits Brechts Konzept des Epischen Theaters wesentliche inszenatorische Elemente des Abends wie InteraktivitAi??t, Musikeinlagen, das Einblenden von Bildern, Texten und Songs vorweg. Mit einem wesentlichen Unterschied: Der formale Einsatz all jener Mittel war nicht bloAYer Selbstzweck, sondern verfolgte ein Ziel: Im Betrachter gesellschaftskritische Erkenntnisse freizusetzen, die ihn dazu bewegen, die Gesellschaft zu verAi??ndern. Auch das postdramatische Theater, zu deren VorlAi??ufer Brecht zAi??hlt, hat den Anspruch, durch rAi??umliche, visuelle und lautliche Zeichen einen Kommunikationsprozess zwischen Schauspieler und Publikum in Gang zu bringen, um eine – wie auch immer gearete (abstoAYende, anziehende, …) – Wirkung zu erzielen.

Will modernes Theater mehr sein, als multimediales Spektakel und ein Freizeitpark fA?r Erwachsene, will es mehr sein als eine bloAYe Karikatur des Zeitgeistes, dann muss es sein Publikum mit Inhalt erreichen. Nicht oberflAi??chlich, sondern nachhaltig. An einigen Stellen zeigte das StA?ck, wie das gelingen kann: Als zu Beginn ein Bollwerk des Protests aus RammbAi??cken, Katapulten und SpAi??htA?rmen auf den BA?hnenrand zurollte und sich als bedrohliche Phalanx vor den Zuschauern auftA?rmte, wurde das Gewaltpotenzial von Herrschaftsstrukturen kAi??rperlich spA?rbar. Oder in der

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Szene von Philipp Karau, wie er halb nackt, in einem NonnenkostA?m aus Latex – mit sich, der Welt und Gott ringend – zusehends an der existenziellen Frage nach Sinn verzweifelte. Oder Mark SchrAi??ppel, der als vakuumverpacktes StA?ck menschliches Lebendfleisch an seine kAi??rperlichen Grenzen ging und beim Besucher unweigerlich Fragen nach Stofflichkeit, Verantwortung, Entgrenzung und Ethik provozierte.

Fazit: Eine Gruppe junger, engagierter KA?nstler, die mit sichtlich Freude Ai??ffentlich gefAi??rdert ihre SandkastentrAi??ume auf der BA?hne auslebt. Das Ergebnis war ein harmloser Theaterabend, der bis auf wenige Ausnahmen eine ernste inhaltliche Auseinandersetzung vermissen lieAY. Die zum BA?hnenbild gehAi??renden Fernseher zeigten kurz vor Ende des StA?cks den Schriftzug “No Glory”, als wollten sie sagen: Mit Ruhm hat sich hier keiner bekleckert.

Zuerst ai???Hairai???, dann ai??zIntolleranza 1960ai??? und jetzt ai??zMein Freund der Baumai???. Beinahe hat es den Anschein, Augsburg sei die neue Revolutionshauptstadt. Kritik an MissstAi??nden oder verklAi??render Blick auf die Vergangenheit ai??i?? diese Frage stellt sich dabei fA?r den Zuschauer. Doch welche Bedeutung haben Idealismus und der Kampf gegen MissstAi??nde heute, in unserer (Wohlstands)Gesellschaft, in einem Sozialstaat, der ai??i?? laut Theorie ai??i?? fA?r alle sorgt, wo UnterdrA?ckung sowie Diskriminierung scheinbar nur eine untergeordnete Rolle spielen?

Wer zu Beginn der Spielzeit, als

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dem StA?ck noch nicht durch die Abhandlung in sAi??mtlichen Feuilletons die HAi??hepunkte genommen wurden, mit der Erwartung sich ein bisschen Revolution anzusehen in ai??zMein Freund der Baumai??? geht, wird schnell enttAi??uscht, denn das StA?ck ist keineswegs nur eine Beschallung mit optimistischen Zielen. FA?r eine Performance-Gruppe zwar nicht wesentlich neu, aber dennoch mit unerwarteten Mitteln, wird die Mauer zwischen Zuschauerraum und BA?hne aufgebrochen. Der Theaterbesucher wird ins Geschehen eingebunden und ist ihm wahllos ausgeliefert, wenn beispielsweise mit A?berdimensionalen Plastikpenissen auf ihn geschossen wird. Einige verfallen in Angststarre als ein mit KAi??rperflA?ssigkeiten gefA?llter Plastikkopf, bedrohlich schwingend A?ber ihren KAi??pfen aufgehAi??ngt wird. Diesen Part der Inszenierung erleben einige gar nicht, weil sie bereits nach den ersten Minuten nach Vorstellungsbeginn den Saal verlassen haben.

Dadurch wird die AuffA?hrung zum treffenden Abbild unserer Lebenswelt. Die Darstellungsweise passt ideal in unsere medienA?berflutete Zeit, in der es kaum mAi??glich scheint, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Denn wAi??hrend im Hintergrund der alltAi??gliche Wahnsinn auf Leinwand gebannt wird, zeigt er sich zeitgleich in grellen Farben auf den Mattscheiben der allgegenwAi??rtigen TV-GerAi??te. Und irgendwo dazwischen spielt sich das Leben ab ai??i?? schnell, irritierend, gepolt auf KAi??rperlichkeit und SexualitAi??t. Der Einzelne versucht einen eigenen Weg zu finden, alleine, zusammen, vereint und getrennt vom NAi??chsten.
An Beispielen fA?r revolutionswA?rde AnlAi??sse mangelt es dem Ensemble keineswegs: von religiAi??sen FragwA?rdigkeiten A?ber diskutable Politiker und ausbeuterische ArbeitsverhAi??ltnisse hin zu Rassenfrage; dem Zuschauer werden aktuelle Probleme in grellen Farben und A?berzogener Inszenierung dargereicht. Wie sonst auch wA?rde er sie sonst A?berhaupt wahrnehmen zwischen dem A?berfordernden Bunt der alltAi??glichen ReizA?berflutung? Eine Interpretation und Platzierung muss dabei von jedem Zuschauer selbst wahrgenommen werden. Denn von vorgekauten Meinungen bekommt er immerhin schon genug.

Auf diese Weise wird der Gesellschaft und darunter besonders der jungen Generation ein Spiegel vor Augen gehalten. Diese von den Sozialwissenschaftlern benannte ai??zGeneration Yai??? ist jung, gut ausgebildet und hat damit die besten Voraussetzungen, ein glA?ckliches Leben zu

fA?hren, die Welt aus ihrer Ungerechtigkeit zu leiten, MissstAi??nde zu bereinigen und fA?r Gerechtigkeit zu sorgen. Doch stattdessen macht sie nichts anderes als auf sich selbst zu blicken, ist genug damit beschAi??ftigt, das eigene Leben irgendwie auf die Reihe zu kriegen. Zwischen Uni, Praktikum und Nebenjob bleibt schlieAYlich kaum noch Zeit, um sich auch noch um Ideale, eine bessere Welt und womAi??glich auch noch um die Mitmenschen zu kA?mmern. Gefangenen

in der Maschinerie des Alltags, werden Revolutionen zu idealistischen Hirngespinsten einer vergangenen Zeit. Es wAi??re zwar schAi??n, wenn sich etwas Ai??nderte, aber irgendwie kriegt man die Doppel-, Drei- oder Siebenfachbelastung schlieAYlich schon unter einen Hut. Wozu also Zeit und Energie verschwenden, wenn doch alles schon irgendwie lAi??uft?

Nach der Vorstellung scheint eine VerAi??nderung durchaus notwendig. Ob die Gesellschaft dazu im Stande ist, bleibt fraglich. Denn das Motto der revolutionsfAi??higen Generation lautet wohl eher: Iai??i??ll start a revolution ai??i?? some day – maybe.

Wer das StA?ck noch sehen mAi??chte, am 23. Januar findet die letzte Vorstellung auf der BrechtbA?hne statt. Tickets gibts beim -> Theater.